Donnerstag, 17. Dezember 2009

Eine Seefahrt die ist lustig…

In 24 Tagen von Athen nach Singapur - Ende November haben wir uns auf den Weg gemacht, das Mittelmeer zu verlassen und nach Asien überzusetzen. Nachdem wir den letzten Mittelmeerhafen, Alexandria, verlassen hatten, sind wir auf durch den Suezkanal gefahren. Während dieser Tage auf See, im Kanal und dann durch den Golf von Aden, haben wir stets und ständig Kriegsflotten um uns herum gehabt, sind im Konvoi gefahren, und haben 24 Stunden Security auf den oberen Decks herum patrouillieren lassen. Mit diesen ganzen Piratenwarnungen haben wir hier extreme Sicherheitsvorkehrungen getroffen und zig Notfallpläne ausgearbeitet. Im Nachhinein haben wir erfahren, dass ein Tankerschiff zwei Schiffe hinter uns im Konvoi von Piratenfischerbötchen angegangen worden ist und beschossen worden ist. Eigentlich hab ich mir während dieser ganzen Zeit eher gedacht, dass die Amis mal wieder einen riesen Wind um diese ganze Geschichte machen, wohl doch zu Recht!
Nach ganzen 8,5 Tagen non-stop auf See sind wir dann in Dubai angekommen, und haben dort zwei Tage gehabt. Ein Kumpel von mir hat Familie dort, und so sind wir von vier dicken Autos empfangen worden und durch Dubai kutschiert worden. Herrlich! Bei der Stadt bekommt man zwar das Gefühl, dass sie wie aus der Wüste heraus gestanzt wurde, aber dennoch ist es sowas von beeindruckend mit diesen ganzen Riesengebäuden und dem ganzen Zirkus.
Zwei Seetage später: Ankunft in Mumbai, Indien!! Irgendwie hab ich mir nie so recht vorstellen können, nach Indien zu reisen. Davor hab ich immer so einen gewissen Respekt gehabt. Jetzt im Nachhinein kann ich nur sagen – Incredible India!!! Und – ich bin total überwältigt!
Ich hab das Glück gehabt, auch hier mit Freunden unterwegs zu sein, das macht wohl jede Erfahrung, wo auch immer man gerade unterwegs ist, besonders. Am ersten Tag meiner Mumbai-Experience bin ich zusammen mit einer Kollegin (Kamilla aus Polen)und einem Kollegen (aus Goa) zu einer Taufe eingeladen gewesen von einem Arbeitskollegen hier an Bord. Es war eine Riesenfeier mit locker 250 Gästen und als wir drei auf die Feier kamen, haben sich alle 250 Köpfe nach uns gereckt, wir beiden Mädels waren wirklich die einzigen hellhäutigen, blondschöpfigen Gesichter weit und breit, keine Frage, dass da die Überraschung groß war. Wir haben uns prächtig amüsiert, alle waren so herzlich und vor allem interessiert, die Party war so ganz anders, als ich mir eine Taufefeier vorgestellt hätte, und im Nachhinein haben wir nochmal gesagt bekommen, wie sehr sich die Tauf-Eltern und alle Gäste gefreut hätten, dass wir dort vorbeigeschaut hätten, es wäre wirklich „something special“ gewesen. Im Endeffekt waren alle happy, wir, unheimlich geehrt und dankbar, eingeladen zu sein, und alle anderen für einen so netten Austausch. Danach sind wir weiter in unserer Dreier-Konstellation auf Entdeckungstour in Mumbai gewesen. Vorbei am Gateway of India, dem Ort, der heute nur noch als Denkmal gewürdigt wird für die definitive Abreise aller Briten aus Indien, und natürlich vorbei am Taj Mahal Hotel, DEM Luxushotel in der größten Stadt Indiens, und dem Ort, an dem letztes Jahr die Terroranschläge stattgefunden hatten. Als wir aus dem Hafen raus sind, bin ich von diesen absolut gigantisch großen Bäumen empfangen worden, die die Straßen säumen. Hätte ich mir so auch nicht vorgestellt, dass ein Stückchen Dschungel-Flair hier und dort herrscht. Nach einer Indian Night mit natürlich Indischem Dinner bin ich am nächsten Tag auf die wohl krasseste Tour gegangen, die ich je in meinem Leben gemacht habe: in den größten Slum von Mumbai, wo eine Millionen Menschen wohnen, den Dharavi Slum. Es gibt da eine Non-Profit Organisation, Reality Cares (http://realitycaresindia.org/), die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Image der Slums in Indien nicht nur aufzupolieren, sondern den Menschen zu helfen, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Und auf der anderen Seite, das Bild, was so viele Leute von den Slums haben, zu ändern. Ich hätte mir auch gedacht, was machen die denn da den ganzen Tag, kein Geld, keine Arbeit, was zum Teufel…!!??
Und so bietet diese Organisation über das Internet Touren in die Slums an, nie mehr als fünf Personen mit einem Guide von dem Verein, und dann geht es los, auf Entdeckungsreise mitten rein. Das hatte so einen erzieherischen und aufklärenden Charakter, ich finde gar nicht recht die Worte, um zu beschreiben, was man da alles gesehen hat. Zu Anfang hatte ich einfach nur Bedenken und nicht minder Angst, das klang mir einfach zu verrückt, sich da mitten in die Slums zu stürzen. Dann hat aber doch die Erfahrung an sich überwogen und das Gefühl, in eine ganz andere Welt einzutauchen. Kein einziges Kind oder keine einzige Person hat die Hand vor mir aufgehalten, um zu betteln oder nach irgendetwas zu fragen. Die Organisation nimmt seit drei Jahren Leute auf Tour in diesen Slum, und auch wenn das verrückt klingen mag, die Leute sind unheimlich dankbar, dass Menschen von außerhalb dort vorbeikommen, um zu erfahren, was sie dort machen. Der ganze Slum ist eine der größten Recycling-Anlagen, die man sich vorstellen kann. Da wird der ganze Müll aus Mumbai Stück für Stück (und wirklich jedes einzelne Teil handverlesen) getrennt und wiederverwendet! Unglaublich, noch nie gesehen! Plastik wird zerschreddert, gereinigt, auf den Dächern getrocknet und in Säcke abgefüllt und dann wieder zu den großen Firmen geliefert, Aluminiumkanister werden ausgebeult, gereinigt, repariert, ja recycelt und dann wieder frisch und neu aufbereitet, Aluminium wird zusammengeschmolzen, es gibt eine Ecke in dem Slum, wo gewebt wird, wo Leder zurecht geschnitten wird, Tontöpfe getöpfert und gebrannt werden. Vorbei an Kindergärten, Schulen … undundund. Ich hätte mir nicht in Traum vorgestellt, was es dort alles gibt, es gibt alles, und dass die Leute dort arbeiten! Aber ganz im Gegenteil, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, und unter Bedingungen, die einem teilweise das Herz zerreißen. In der Abteilung, wo sie Aluminium zusammenschmelzen sind die Menschen diesen giftigen Gasen ausgesetzt, Tag für Tag, und man kann in deren Gesichtern sehen, dass sie auf ewig Schaden davon getragen haben und wenn man den Faden weiterspinnt weiß man auch, dass sie das nicht ewig machen werden und wenn sie eben zu krank sind, dann kommt der nächste an die Reihe. In der anderen Ecke, wo sie mit Metall arbeiten, und Geräte herstellen, da herrschen die gefährlichsten Bedingungen, man macht sich kein Bild, das ist einfach zu krass. Auf jeden Fall muss man eine Sache total revidieren: die Menschen dort sind alles andere als faul und nichtstuend. Wir sind durch die Hütten und nur mit Vorhängen getrennten Häuser gegangen, wo in einem Minizimmer fünf oder mehr Menschen leben, es gibt keine Kanalisation, wohl aber Elektrizität und auch Telefon. Irgendwie ist es immer ein Wunder, wo auch immer die Menschen wohnen, dass zumindest immer ein Fernseher und ein Telefon verfügbar ist! Wir sind quer durch deren Werkstätten und hoch auf die Dächer geklettert. Und wenn man sich dann den Film „Slumdog Millionaire“ vor Augen führt (den seh ich jetzt mit ganz anderen Augen!), stellt man einfach mal fest, dass man mitten dort drinnen ist, wo der Film teilweise gedreht wurde, und dass das alles echt ist und traurige Realität. Trotzdem sind wir fünf von dieser Tour nicht deprimiert und am Boden zerstört zurückgekommen, sondern einfach nur überwältigt von dem, was wir gelernt haben, gesehen. Wir haben kein einziges Foto gemacht, das ist alles im Kopf gespeichert, und allein aus Respekt vor den Menschen hätte sich keiner von uns getraut, mit einer Linse draufzuhalten. Das war wirklich eine Erfahrung so reich an Eindrücken, Informationen und Aufklärung, wer immer auch nach Mumbai fahren sollte, das ist etwas, was ich nur schwer weiterempfehlen kann!! Wahrhaftig Incredible India!!!
Nach Mumbai sind wir nach Cochin gefahren, Indien Teil zwei auf unserer Reise. Und diese Stadt war so ganz anders als ich erwartet hätte. Nicht, dass ich mir viel vorstellen konnte, aber trotzdem eine wunderschöne kleinere Stadt. Aber alles was nach Mumbai mit seinen locker 20 Millionen Menschen kommt, kann einfach nur kleiner sein. Cochin hat diesen Charme von Ende 1800/Anfang 1900, die Häuser tragen die Handschrift der britischen Architekten und wenn man eine Landlord-Pferdekutsche mit Grafen im Frack und Damen im Seidenballon-Kleid und Seiden-Sonnenschirmchen gesehen hätte, würde man nicht überrascht sein, und sich direkt in diese Zeit zurückversetzt fühlen.
Nach diesen nur paar Tagen auf indischem Boden bin ich irgendwie hin und weg und könnte mir wirklich gut vorstellen, das Land mal etwas genauer zu bereisen. Das war ja schließlich nur eine Kostprobe.
Nun haben wir noch mal drei Tage auf See vor uns, ich muss nicht betonen, dass es, je kühler es scheinbar zuhause wird, desto heißer hier bei uns wird. Herrlich :)
Bevor wir am 22. Dezember in Singapur ankommen, haben wir noch zwei Stops in Malaysia, in Penang und Port Klang. Und eins von beiden ist das Tor zu Kuala Lumpur und ich kann es nun schon kaum erwarten, hoch auf dieses Superduper-Gebäude (ob es nun das höchste der Welt ist oder war) zu gehen.
Weihnachten tut es, wie auch schon letztes Jahr, gefühlsmäßig tendenziell gen Null. Wir haben hier zwar Weihnachtsschmuck, -Bäume und –Lichter. Aber mit Weihnachten zuhause hat das nicht das Geringste gemein. Das ist aber ok, denn wenn anders, dann kann es auch ruhig drastisch anders sein.
Allen zuhause wünsche ich aber an dieser Stelle schon mal eine besinnliche Vorweihnachtszeit!

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